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„Nichts schreit mich hier an“
von Dagmar Von Taube
1 Juni 2014

Sein Bruder Nicolas jettet als Investor um die Welt. Olivier Berggruen schuf sich einen Ort der Ruhe und des Rückzugs.

Es gibt diese Wohnungen in Manhattan, die wirken wie eine Faust im Gesicht. Tapeziert mit Selbstporträts in Mengen und vollgestellt mit erkennbar wertvollen Kunst-Klassikern. Jeder Kleiderbügel und jeder Stuhl schreit: Ich bin Design! Da zeigt sich oft eine Eintönigkeit des großen Geldes, das aus Unsicherheit gern das sucht, was auch andere besitzen, Besitz als Rückbestätigung. Olivier Berggruen, 50, Kunsthistoriker, Kurator und Schriftsteller, wohnt anders: Wer sein weitläufiges Apartment, 380 Quadratmeter auf der New Yorker Upper Eastside, betritt, den empfängt eine Stille: fast vier Meter hohe, lichterfüllte Räume. Heller Eichenboden. An den Wänden Bilder weiß auf weiß. Das Interior zieht sich vornehm zurück. Auch der Hausherr spricht leise: „Es sind Räume, die atmen. Manche träumen von der ferngesteuerten Küche oder der gläsernen Badewanne im Schlafzimmer. Wir wollten eine Ruhe schaffen, um die Dinge wirken zu lassen.“ Das gilt für die Antiquitäten aus Frankreich und England, manches geerbt, das meiste über Jahre gesammelt, wie für die Kunst: Arbeiten, zart wie die fünf Siebdrucke von Basquiat im Salon, Körperstudien nach Skizzen von da Vinci; die kleine Picasso-Zeichnung auf dem Tiffany-Tisch oder den Ed Ruscha im Esszimmer, der nur mit einem Wort spielt, der Assoziation. „Alle deuten nur etwas an und evozieren trotzdem etwas“, erklärt Berggruen. „Die Objekte verlangen, dass man sich ihnen nähert. Man muss sich bemühen, um sie zu entdecken. Das mag ich. Nichts schreit mich hier an. Alles ist geordnet.“ Und wie! Kein Staubkorn, keine alte Zeitung, nichts liegt einfach nur herum. „Ja, ich bin sehr ordentlich, wie man sieht. Zu Hause ziehe ich auch die Schuhe aus. Mich fasziniert Proportion, besonders die Jahre 1780 bis 1820. Die Hochzeit der Perfektion! Proportion schafft Ordnung und Wohlsein.“ Er sei aber keineswegs pingelig deshalb. „Gästen gegenüber bin ich sehr tolerant, natürlich. Wer möchte, darf hier sogar rauchen.“ Es geht um die Wesentlichkeit, sagt Berggruen. „Ich habe ein Bedürfnis nach Klarheit im Denken.“ Sich zu konzentrieren, auch aufeinander.

Anders als sein Bruder Nicolas, der mit seinem Karstadt- Deal Schlagzeilen gemacht hat und als Investor in Flugzeugen und Hotels zu Hause ist, hat sich der jüngste Sohn des Berliner Sammlers Heinz Berggruen einen Ort der Ruhe und des Rückzugs geschaffen. „Unterschiedliche Lebensentwürfe“, erklärt Olivier. „Nicolas ist ein Freigeist. Die Heimatlosigkeit ist für ihn zu einem Heimat ersetzenden Zustand geworden. Ich zimmere mir meine Welt aus Gegenständen, mein Bruder gestaltet dafür politische und wirtschaftliche Ideen. Er lebt in seinem Kopf.“ Voilà, so sei das eben. Die einen lösen sich, andere wiederum passen sich ihren Umgebungen komplett an, die werden dann spanischer als die Spanier. „Ich nahm mich immer selbst mit, wohin ich ging.“ Ihn habe es geprägt, in Paris aufzuwachsen, mit Antiquitäten, dem Ästhetikempfinden seines Vaters und dessen Sammlung, Werken von Picasso, Giacometti und Klee, die nun im Museum Berggruen in Berlin sind, wo er heute Mitglied der Leitung ist. „Das Alte war mir immer näher als das Moderne, obwohl ich in einer Stadt lebe, die sich so mit dem morgen beschäftigt.“ Macht alt zu wohnen nicht selbst alt? „Warum? Gar nicht. Alte Möbel, das ist der Trick, brauchen nur Licht. Man darf sie nicht in dunkle Räume sperren.“

Licht und Raum gibt es in seiner Wohnung nun reichlich, obwohl, manchmal schimpfe seine Frau Desiree: „Ich besitze einige Arbeiten aus Papier, die sind sehr lichtempfindlich. Ab und zu ertappt sie mich dabei, dass ich wieder alle Vorhänge zugezogen habe. Dann sitze ich hier im Dunkeln.“

Er lernte die Amerikanerin an der Brown University kennen. Seit 15 Jahren leben sie in New York. „Anfangs Downtown, als die Kinder kamen, Toby ist jetzt 14 und Ana 6, suchten wir eine Familienwohnung.“ Nah zum Central Park sollte sie sein. „Wir haben kein Haus auf dem Land, unser Garten ist einmal über die Straße.“ Dort geht er jeden Morgen und Abend spazieren, in der ehemaligen Nachbarschaft seiner Eltern, die in den 80er-Jahren eine Wohnung im „Carlyle Hotel“ hatten, vier Blocks weiter. „Auch darum wollte ich hier hochziehen. Unser Apartment erinnert mich an meine Kindheit in Paris, die großbürgerlichen Wohnungen von Saint-Germain. Das sucht man ja auch, das Vertraute, weil es ein Gefühl von Sicherheit gibt.“

Und Familienleben? Wie gestaltet sich das mit zwei Kindern in einer Wohnung, die aussieht, als sei sie nichts für Schokoladenfinger? Diese scheint auch kein Ort großer Begegnungen zu sein. Sechs Stühle um einen Tisch, man kann sich kleine Essen vorstellen. „Wir sind sehr privat“, sagt Berggruen, der zu Hause arbeitet. Wen er beruflich sehen möchte, den trifft er im Tearoom eines Hotels. „Hier ist der Ort, an dem ich am meisten bin und wir wirklich leben. Wo ich am Abend mit meinem Sohn Schach spiele. Oder wir lesen – richtige Bücher, keine E-Books –, sitzen am Kamin und hören Musik, Patti Smith, brasilianischen Jazz. Es mag ein etwas altmodisches Familienleben sein, aber wir verbringen wirklich viel Zeit zusammen und essen auch drei Mal pro Woche zu Hause.“ Vegetarisch. Tobt er sich denn nie mal aus? „Und ob!“, da lacht er laut. „Ich stehe jeden Morgen um sieben auf. Wenn die Kinder versorgt sind, fahre ich mit der U-Bahn runter zur Crosby Street. Dann mache ich zwei Stunden Yoga. Den Paradiesvogel, die Krähe, das ganze Programm. Und ich sage Ihnen, ich bin biegsam wie Gummi!“

Olivier Berggruen, Kunsthistoriker, Schriftsteller, Kurator, unter einem Basquiat.

Salon mit Eichenparkett: Schwarze Empire-Stühle von Thomas Hope, Marmortisch von Carolina von Humboldt, darauf ein Tuch, das der Hausherr aus Marokko mitgebracht hat. An den Wänden Siebdrucke von Jean-Michel Basquiat. Rechts ein Ölbild von Michel Garnier.

Berggruen liebt Bücher – keine E-Books!

Im Breakfast-Room eine Installation der brasilianischen Künstlerin Adriana Varejão, die Art Deco-Stehlampe schenkte Bruder Nicolas, Boden: Kork

Intarsien-Tisch von Louis Comfort Tiffany mit Picasso-Zeichnung, die Lampe stammt von R. Louis Bofferding. An der kassettierten Wand ein Siebdruck von Basquiat.

Im pistazienfarbenen Esszimmer mit französischem Glaslüster hängt ein Ed Ruscha, die Stühle auf dem philippinischen Flickenteppich vererbte Vater Heinz.

Auf dem Offizierstisch ein Glasobjekt von di Robilant, darüber ein Ed Ruscha.

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